Neurotoxine
WO UNS NERVENGIFTE IM ALLTAG BEGEGNEN
Seite 1/1 9 Minuten
Wie viele Nervengifte Ihr Alltag enthält, ist auch davon abhängig, wo Sie wohnen. In Südamerika oder Asien bilden gleich mehrere Tiere tödliche Nervengifte, die Menschen sind im Alltag daran gewöhnt. Auch Pflanzen sind nicht ohne: Sie bilden oft Nervengifte, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Wenn Sie einen Garten besitzen, begegnen Sie diesen ebenfalls im Alltag.
Kommen Sie mit auf eine Entdeckungstour und schauen Sie, wie vielen Nervengiften Sie im Alltag begegnen – und wie sie wirken.
Wo Nervengifte wirken
Nervengifte, auch solche, die uns im Alltag begegnen, wirken auf die Weiterleitung von Nervenimpulsen. Das kann auf unterschiedlichen Wegen passieren. Angriffspunkt ist meist das cholinerge Nervensystem. Also Neuronen, die Acetylcholin (ACh) als Botenstoff benutzen. Wir gehen im Folgenden noch einmal kurz auf die Funktionsweise einer solchen Synapse ein, damit Sie die möglichen Ziele der Nervengifte in Ihrem Alltag frisch im Kopf haben. Wenn Sie ein Experte auf dem Gebiet sind, scrollen Sie einfach weiter.
- Wenn ein Aktionspotential an der Synapse ankommt, sorgt es dafür, dass mit Neurotransmittern gefüllte Vesikel mit der Zellmembran verschmelzen und ihren Inhalt in den synaptischen Spalt abgeben. Hier haben wir den ersten Angriffspunkt für Nervengifte aller Art, auch die aus dem Alltag.
- An der postsynaptischen Membran befinden sich die Rezeptoren, an die die Neurotransmitter binden und die Öffnung von Natriumkanälen bewirken. Diese lösen in der postsynaptischen Zelle wiederum ein Aktionspotential aus. Auch hier können Nervengifte wirken.
- Wird der Neurotransmitter, also in diesem Fall das ACh, nicht mehr gebraucht, löst er sich vom Rezeptor und wird durch ein Enzym, die ACh-Esterase, abgebaut. An diesem Teil der Weiterleitung können Nervengifte aus Alltag, Urlaub und Chemielabor sehr unangenehm ansetzen, wie wir sehen werden.
Gehen wir doch einmal zusammen durch den Tag.
Nervengifte sind tatsächlich Alltag
Nehmen wir an, Sie sind Raucher oder Raucherin. Dann ist Nervengift Nummer Eins in ihrem Alltag ziemlich präsent, und das meist schon morgens: Nicotin. Wenn Sie sich eine Zigarette anzünden, bindet das Nicotin an nach ihm benannte nicotinerge ACh-Rezeptoren der Postsynapse und löst ein Signal aus. Das führt zu beruhigenden Wirkungen, aber regt auch die Verdauung an.
Nach der Morgenzigarette gehen Sie in Ihren Garten und wollen die Hecke schneiden. Hier lauern Nervengifte, und zwar gleich mehrere. Wenn Sie Kinder oder Haustiere haben, haben Sie im Alltag bestimmt schon einmal von den Giftpflanzen gehört, die die Schutzbefohlenen dringend meiden sollten.
Zum einen ist da das Atropin aus der Tollkirsche. Es ist ein starkes Nervengift und im Alltag vieler Menschen durchaus präsent, da es aus einer heimischen Pflanze stammt. Es hat am ACh-Rezeptor die gegenteilige Wirkung von Nicotin: Es wirkt als kompetitiver Antagonist. Das Signal wird also nicht an die nächste Nervenzelle weitergeleitet. Therapeutisch nutzen Augenärzte das Nervengift in ihrem Alltag zur Pupillenerweiterung bei Untersuchungen. Sie sollten die Tollkirsche lieber nicht zu sich nehmen, denn ihr Gift blockiert die Funktion lebenswichtiger Muskeln wie der Atemmuskulatur.
Wenn Sie gern spazieren gehen, besonders an Flüssen und auf Wiesen, begegnet Ihnen auch ein zweites Nervengift gern im Alltag: das Coniin. Es stammt aus dem gefleckten Schierling, einer heimischen Giftpflanze, die schon in der Antike für Morde und Hinrichtungen verwendet wurde. Den „Schierlingsbecher“ musste zum Beispiel der Philosoph Sokrates trinken.
Auch Coniin ist ein kompetitiver Antagonist am Nicotin-Rezeptor, zumindest in höheren Dosen. In niedrigen Dosen wirkt es als Agonist. Das Nervengift löst zunächst Symptome aus wie Erbrechen und Krämpfe, Pupillenerweiterung und Speichelfluss. Später tritt der Tod durch Atemlähmung bei vollem Bewusstsein ein.
Wenn Sie die Wiese verlassen, könnten Sie Pilzen begegnen und damit dem nächsten Nervengift des Alltags: Muscarin. Es wirkt ebenfalls als kompetitiver Antagonist an ACh-Rezeptoren, allerdings hauptsächlich an nach ihm benannten Muscarin-Rezeptoren. Die unerfreulichen Symptome sind die gleichen wie beim Coniin.
Andere Länder, andere Nervengifte im Alltag
Wenn Sie im Amazonas-Dschungel wohnen, begegnet Ihnen noch ein weiteres Nervengift im Alltag, zumindest dann, wenn Sie auf traditionelle Weise jagen gehen wollen. Curare, eine Mischung aus mehreren Giften unterschiedlicher Pflanzen, wirkt lähmend, indem es ebenfalls als kompetitiver Antagonist an postsynaptischen ACh-Rezeptoren bindet. Ihre Beute kann also nicht mehr weglaufen, Sie sollten sich allerdings nicht in den Finger pieksen.
Ebenfalls in Mittel- und Südamerika heimisch ist der Pfeilgiftfrosch, dessen Gift die Natriumkanäle der postsynaptischen Membran öffnet, ähnlich wie das Nervengift des Skorpions und viele Schlangengifte. Die Symptome sind Schmerzen, Krämpfe und eine unter Umständen tödliche Atemlähmung.
Aber auch wenn Sie im Mittelmeerraum Urlaub machen, können Sie einem Nervengift im Alltag begegnen: dem Gift der Schwarzen Witwe, Europas giftigster Spinne. Ihr Gift öffnet Calcium-Ionenkanäle in der präsynaptischen Membran, die Vesikel mit ACh entleeren sich komplett und es kommt zu einer Übererregung der postsynaptischen Nervenzelle. Die Symptome sind die gleichen wie bei Skorpion und Co.
Auch mit Eisenhut, einer beliebten Zierpflanze, ist nicht zu spaßen. Das in ihm enthaltene Aconitin öffnet Natriumkanäle in der Postsynapse und wirkt ähnlich wie Skorpionengift.
Angenommen, Sie haben Ihren Spaziergang beendet, ohne einem Nervengift zum Opfer zu fallen, und setzen Ihren Alltag fort. Langsam bekommen Sie Hunger und schauen nach, was zu essen da ist. Die Kartoffeln, die Sie finden, sind schon etwas älter und teilweise grün. Sie fragen sich, ob Sie die noch essen können? Besser nicht, denn auch diese enthalten ein Nervengift. Solanin, ein Alkaloid, kommt in zahlreichen Nachtschattengewächsen vor, vor allem in den grünen Teilen.
Solanin blockiert die ACh-Esterase, was zu einer Dauererregung der postsynaptischen Nervenzelle führt. Das kann zu Vergiftungen führen – schon 300 Gramm Kartoffeln können einem Kind Bauchschmerzen bereiten. Im Alltag essen wir ziemlich viele Vertreter der Solanaceae, wie Kartoffeln, Tomaten, Paprika und Auberginen.
Mehr über Nervengifte:
Wie Nervengifte aus dem Labor in den Alltag kommen
Nach dem Mittagessen freuen Sie sich an Ihrer geschnittenen Hecke. Aber eins fällt Ihnen auf: Ihre Zierpflanzen haben Ungeziefer. Hier lauert ein weiteres Nervengift, das Ihnen im Alltag begegnet: Insektizide. Zum Glück wird Parathion, das auch als E 605 bekannt ist, seit 2022 nicht mehr verkauft, denn es wirkt wie Solanin und Nowitschok. Schon kleine Mengen, die über die Atemwege aufgenommen werden, können zu tödlichen Vergiftungen führen. Den Spitznamen „Schwiegermuttergift“ trägt das Insektizid Parathion zu Recht, denn mit ihm wurde (und wird?) tatsächlich gemordet.
Nowitschok
Bauchschmerzen nach Kartoffelkonsum, die hätte sich der inzwischen verstorbene russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny sicher stattdessen gewünscht, als er 2020 mit dem irreversiblen ACh-Esterasehemmer Nowitschok vergiftet wurde. Er überlebte nur knapp. Das heimtückische Nervengift begegnet Ihnen sicher nicht im Alltag, es sei denn, Sie legen sich mit den falschen Leuten an. Der Tod tritt bei diesen Substanzen, von denen es um die 100 gibt und die in der ehemaligen Sowjetunion als Kampfstoffe entwickelt wurden, in der Regel schnell ein. Die Symptome wie Krämpfe und schließlich den Erstickungstod wünscht man sicher nur seinen schlimmsten Widersachern. Besonders perfide: Die Aufnahme kleinster Dosen, auch über die Haut, ist tödlich.
Tierische Nervengifte
Nachdem Sie Ihren Garten auf Vordermann gebracht haben, ist es Zeit für Ihren Termin beim Hautarzt. Auch hier begegnet Ihnen ein Nervengift, das im Alltag vieler Stars, Sternchen und immer mehr Normalbürgern Einzug gehalten hat: Botulinumtoxin, auch Botox genannt.
Es spaltet sogenannte SNARE-Proteine, die für die Freisetzung von ACh aus den Vesikeln gebraucht werden. Daher führt es zu Lähmungen. Kosmetisch wird es gegen Falten an einzelne Gesichtsmuskeln gespritzt. Wenn es oral aufgenommen wird, kann es tödlich wirken.
Das Nervengift ist gar nicht so selten: im Alltag begegnet es uns zum Beispiel in nicht sachgemäß gelagerten Konserven. Dort vermehren sich Clostridien, die das Gift produzieren. Ist eine Dose also aufgebläht oder beschädigt, sollte der Inhalt nicht in den Magen, sondern in den Mülleimer wandern.
Abends, frisch und faltenfrei, gehen Sie essen, weil Sie Ihre letzte zerbeulte Konserve entsorgt haben. Sie sind ganz zufrieden mit dem Tag und rechnen mit keinem weiteren Nervengift in Ihrem Alltag. Zur Feier des Tages bestellen Sie Muscheln und eine Flasche Wein. Da Februar ist, haben Sie Glück und weichen so einem weiteren Nervengift unseres Alltags aus: dem Saxitoxin.
Dieses Nervengift produzieren nicht die Muscheln selbst, sondern deren Nahrung. Im Sommer kommt es zur massenweisen Vermehrung von Algen und sogenannten Dinoflagellaten. Diese bilden das Gift, das Natriumkanäle in der Postsynapse blockiert und so zu Lähmungen bis zum Tod führen kann. Das ist einer der Gründe, warum man Muscheln nur in den kühleren Monaten essen sollte – denn Dinoflagellaten vermehren sich vor allem in warmem Wasser.
Kugelrunde Gefahr
Wenn Sie in Japan wohnen oder dort etwas Besonderes essen wollen: Vorsicht vor einem weiteren Nervengift. Zwar wird der Kugelfisch nicht im Alltag gegessen, sondern ist eher eine besondere Delikatesse, aber sein Verzehr ähnelt russischem Roulette. Das enthaltene Tetrodotoxin betäubt die Nerven, indem es wie Saxitoxin Natriumkanäle blockiert. Es beginnt bei geringen Dosen mit einem Taubheitsgefühl im Mund und im Gesicht, kann aber schnell zur Atemlähmung führen. Die Zubereitung des Fisches obliegt daher speziell ausgebildeten Köchen.
Andere Alltagssorgen
Das Nervengift in Muscheln haben Sie erfolgreich vermieden, aber das andere, das bei fast jedem zum Alltag gehört, nicht. Die Rede ist hier vom Ethanol, der ebenfalls ein Nervengift ist. Er lagert sich in Zellmembranen des Nervensystems ein und bewirkt eine vermehrte Ausschüttung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Dieser Neurotransmitter hat beruhigende Wirkungen. Gleichzeitig hemmt Alkohol die aktivierende Wirkung des Botenstoffs Glutamin. „Glückshormone“ wie Serotonin und Dopamin werden ausgeschüttet, aber auch Adrenalin und Cortisol. Auch Alkohol ist ein Nervengift, und zwar eines, das (viel zu) sehr mit unserem Alltag verbunden ist.
Ihr Tag ist vorbei, Sie putzen sich noch die Zähne und freuen sich aufs Bett. Jetzt, so denken Sie, kann Ihnen nun wirklich kein Nervengift mehr begegnen. Aber der Alltag einiger Menschen, die noch in Häusern mit alten Wasserrohren wohnen, enthält noch eine weitere Gefahr: Blei. Das Schwermetall hat, ähnlich wie Quecksilber, nervenschädigende Wirkungen. Entzündliche Prozesse im Nervensystem sorgen langfristig für Vergiftungserscheinungen mit Symptomen wie Zittern und neurologischen Ausfällen. Wahrscheinlich lagert sich Blei wegen seiner Ähnlichkeit zu Calcium in den Zellen ab.
Wegen seiner Wirkung als Nervengift wird Blei immer mehr aus unserem Alltag verbannt. Während es früher in Benzin, Zahnpasta, Konservendosen, Wasserrohren und vielem mehr verarbeitet wurde, weiß man heute, dass es stark giftig ist.
Sie sehen: Nervengifte begegnen uns im Alltag viel öfter, als wir denken. Man sollte also immer die Augen offenhalten – auch wenn man keine mächtigen Feinde mit Zugang zu chemischen Kampfstoffen hat.
Quellen:
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/40688-neurotoxine-die-genialen-superschurken
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9865788/
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2022/05/12/gift-fuers-gehirn
https://flexikon.doccheck.com/de/Neurotoxin
https://flexikon.doccheck.com/de/Coniin