Neuronaler Effekt
IMMUNSYSTEM AKTIVIEREN MIT ERKÄLTUNGSVIDEOS
Seite 1/1 2 Minuten
Schniefnasen wohin man blickt, aktuell hustet, schnupft und fiebert gefühlt jede*r. Kein Wunder, dass man sich in der Bahn, an der Schlange im Supermarkt oder auf einem Konzert manchmal den Mund-Nasenschutz aus COVID-Zeiten zurückwünscht. Oder gute Strategien, sein Immunsystem zu aktivieren. Aber unser Immunsystem kennt da auch seine Tricks und reagiert früher als wir denken. Dies bewies auch eine kürzlich veröffentlichte Studie.
Die beiden Biologinnen Esther Diekhof und Judith Keller von der Universität Hamburg zeigten ihren Proband*innen kurze Videosequenzen, die Alltagssituationen mit und ohne Ansteckungspotenzial zeigten. Währenddessen wurden die Gehirnaktivität und die Antikörperaktivität im Speichel gemessen. Tatsächlich reagierten das Gehirn sowie das Immunsystem, was darauf schließen lässt, dass in einer vergleichbaren Echt-Situation schon mit einer ersten Immunantwort zu rechnen ist bevor Erreger überhaupt in den Körper gelangen.
Antikörper im Speichel
In der Studie der beiden Biologinnen wurde über die Antikörperkonzentration im Speichel die Reaktion des Immunsystems abgeschätzt. Dabei handelt es sich um das sogenannte sekretorische Immunglobulin A, kurz sIgA. Treffen Erreger auf die Schleimhaut, ist ein Konzentrationsanstieg im Speichel messbar. Das Immunglobulin findet sich auch in der Tränenflüssigkeit, im Intestinaltrakt, in der Urogenitalflüssigkeit oder auch in hoher Konzentration in der Muttermilch. Der Antikörper ist damit Teil des mukosalen Immunsystems.
(Kranke) Menschen aktivieren unser Gehirn und unser Immunsystem
Während der Messung der Hirnaktivität stellen die Forscherinnen fest, dass besonders zwei Regionen im Gehirn aktiv werden, wenn kranke Menschen betrachtet werden:
- In der vorderen Insula befindet sich das Netzwerk für den Geschmack- und Geruchssinn. Da hier auch starke Emotionen wie Ekel verarbeitet werden, überrascht es nicht, dass wir von schniefenden, husteten Menschen ganz intuitiv abrücken. Die Region dient ebenfalls als wichtige Schnittstelle von Gehirn und Immunsystem. Bei den Proband*innen konnten messbare Konzentrationsänderungen des sekretorischen Immunglobulins A festgestellt werden. Die Insula könnte also über die neuronale Achse direkt eine Aktivierung des Immunsystems der oberen Atemwege hervorrufen. Zur Vorsicht.
- Die Amygdala beteiligt sich ebenfalls an der Verarbeitung emotionaler Reaktionen wie Angst oder Furcht. Die Biologin Keller vermutet, dass die Aktivierung dieser Region bei jeglicher Betrachtung von Menschen, egal ob gesund oder krank, für eine unspezifische Wachsamkeit gegenüber der Anwesenheit von Menschen spreche.
„Während die Insula die zentrale Immunaktivierung koordiniert, könnte die Amygdala eher als Alarmsystem für soziale Situationen mit erhöhtem Übertragungsrisiko fungieren", fasst Esther Diekhof die Studienergebnisse zusammen.
Unser Gehirn und unser Immunsystem arbeiten also Hand in Hand: Viele Menschen? Dann lieber wachsam bleiben. Kranke Menschen? Lieber vorsichtshalber das Immunsystem aktivieren und die Barriere zu den oberen Atemwegen verstärken. Die Erkenntnis könnte zumindest zu mehr mentaler Leichtigkeit in der Erkältungszeit beitragen.
Quellen:
Visuelle Hinweise auf die Ansteckung der Atemwege: Ihr Einfluss auf die Neuroimmunaktivierung und die Immunantwort der Schleimhäute beim Menschen - ScienceDirect
Antikörperkonzentration gemessen: Anschauen von Erkältungsvideo aktiviert Immunsystem - n-tv.de
Mehr zum Thema Erkältung: